Archiv für Mai 2010

Torpedorohr frei!

Nach fünf Wochen des gemeinsamen Rumstreunerns haben wir am Donnerstag unser weißes Torpedo, auch bekannt als Rudolph aus der Tonne, am Flughafen Acapulco abgeschossen. Da der Streunerkodex für solche Gegebenheiten eine oder besser zwei Abschiedsfeiern vorschreibt, mussten wir natürlich Folge leisten. Der mexikanische Pöbel zeigte sich auch wieder von seiner besten Seite und so wurde aus einem Toilettenbesuch eine Einladung zur Geburtstagsfeier des Ex-ex-Bürgermeisters. Fünf verlebte Typen, die sich wie kleine Kinder beim Süßigkeitenkauf auf eine saubere Toilette stürzen (es war wohl die erste seit einigen Tagen) muss man eben sympathisch finden und am besten gleich auf die Feier von seinem Kollegen mitschleppen. Sowieso ist die mexikanische Gastfreundschaft unglaublich. Auf besagter Party wurden mit Bier und Tequila empfangen, Al Borland hilft uns bei der Autoreparatur und wir dürfen permanent unser Lager auf den Grundstücken von Futterbuden errichten oder uns in Hängematten am Strand lang machen. Kein Vergleich zu den USA, wo man permanent Angst haben muss, dass irgendein wahnsinniger Cowboy seine Shotgun ausführt, weil man zu nah an seinem Pickup geparkt hat.

Im Moment stehen wir gerade in San Agustenillo. Das war zwar nicht so geplant, hat sich aber aufgrund von akuten Wegfindungsproblemen so ergeben. Einmal falsch abfahren und schon ist man an einem schicken Strand, wo es passenderweise auch noch billiges Bier und ein verlassenes Restaurant gibt, was spontan als Nachtlager dient. So lassen wir uns das gefallen. Salud!

Iss das Leben mit dem großen Löffel

Nach den heftigen Turbulenzen, von denen wir ja schon berichtet haben, war die letzte Woche recht unspektakulär. Wir haben kräftig Strecke gemacht und sind von unserem Heimwerker spot in Ensenada ca. 3500km durch Mexiko getuckert. Das erste Stück durch die unglaubliche trockene und einsame “Grande Desierto” und die nächsten 1500km durch das Inland, wo auch nicht wirklich mehr los war. Das könnte allerdings auch an der unglaublichen Hitze liegen. Bei einer Außentemperatur zwischen 40 und 50 Grad Celsius im Schatten ist man halt hauptsächlich damit beschäftigt nicht zu Schmelzen. Die Fahrerei hier ist allerdings auch in keinster Weise mit Deutschland vergleichbar, da der Highway zwischendurch schonmal einfach zu einer Dirtroad wird oder komische Anti-Speedwobbel versuchen einem den mühsam erarbeiteten Schwung mit einem Vorderachsbruch zu nehmen. Im Endeffekt kommen wir auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 50-60km/h… da kann man schonmal ein paar Tage im Auto verbringen.

Seit Mazatlan werden wir jetzt aber konsequent fürs Rumtruckern entschädigt: mit 25Grad warmen Meer, perfektem Sandstrand und Bilderbuchlandschaft. Quasi eine riesengroße Badewanne. Nur die Aussicht ist besser als im Bad. Wir lassen es uns also im Moment richtig gut gehen und unsere Tage bestehen eigentlich hauptsächlich aus schwimmen, surfen (wir schulen jetzt um auf Öttinger Surfer Boyz), rumgammeln und ab und zu mal in einem Seeigel treten. Die Brandung hier ist richtig heftig, so dass unsere Surfversuche von außen wahrscheinlich eher aussehen wie ein Überlebenskampf, um dem sicheren Tod durch Ertrinken zu entgehen. Das Hauptquartier wird meistens direkt an bzw auf den verlassenen Stränden errichtet. Nur selten muss man einem Mexikaner ein bischen Geld geben, damit der sich die nächste Puddel Tequila kaufen kann und man auf seinem Grundstück parken darf. Um hier unter den Mexikaner nicht mehr als Gringos aufzufallen haben wir uns außerdem eine totsichere Waffe zugelegt: asoziale Schnauzbärte. Unser weißer Torpedo alias Rudolf aus der Tonne ist jetzt noch mehr white trash und ich sehe aus wie eine Mischung aus Magnum und Chuck Norris. Was tut man nicht alles, um noch beschissener als sowieso schon auszusehen. Moustache Power activate!!

P.S. Da Kai extra gefragt hat: Seit dem wir die Tour begonnen haben, hat es genau 1x geregnet, und das war noch in Santa Cruz. Dürfte sich allerdings ändern, sobald wir die Karibikküste entern.

Facelift – Gary, el carro schnecko 2.0

Nach einigen Wochen on the road ist unser Mobil – Gary, el carro schnecko – schon zu einem Vollwertigen Slider gereift. Einer seiner Lieblingstricks ist der fakie Anhängerkupplungs Grind an steilen Auffahrten und bei den Offroad Passagen hat er sogar mal nen kleinen Ollie geschafft. Leider gehört zu so einem richtigen Sliderleben auch der ein oder andere Bail und Gary hat es bei seinem ersten Bail so richtig auf die Fresse bekommen. So ein verdammter Baum hatte doch unter seinem von der Dunkelheit verhüllten Blättergewand einen abgesägten Ast versteckt, der Gary einen ziemlichen Facelift verpasst hat. Der erste Bail und dann gleich ein Hangup, was ne Packung….

Die Folgen hätten fataler nicht gewesen sein können. Gary sah aus, als hätte ihn Don Quichote mit einer Windmühle verwechselt. Da Garys Innenausbau, ähnlich wie seine Besatzung, im tiefsten Inneren ziemlich verfault ist, hatte der Ast trotz Schrittgeschwindkeit die Komplette Seite weggerissen. Die Bestürzung war groß, aber wenn man denkt es geht nicht mehr kommt bekanntlich immernoch irgendwo Scheiße her. In diesem Fall in Person von ein paar Kleinstadt Sherrifs, die nichts besseres zu tun hatten, als einen Grund zu suchen uns hinter mexikanische ääääh schwedische Gardinen zu bringen oder zumindest ihre Kasse etwas zu füllen. Wir sahen also schon schweißgebadet einer Zukunft in der Knastdusche entgegen, wo auch mal der ein oder andere Taco fallen gelassen wird. Einige bange Minuten später, in denen die Bullen el carro komplett auseinander nahmen, war der Spuk auch schon vorbei. Wir hatten ja auch nichts zu befürchten, denn auf einer echten Slidertour ist natürlich weder Alkohol noch irgendwelche Art von Sportzigaretten an Bord.

Nachdem einigen Besatzungsmitgliedern die Meuterei und der Gedanke an ein frühzeitiges Segel streichen ausgetrieben wurde standen die nächsten zwei Tage dann ganz im Zeichen von Tim Taylor, dem Heimwerkerkönig. Unser neuer Heimathafen wurde der Parkplatz eines großen Baumarktes. Also Badeshorts gegen Blaumänner getauscht, Ärmel hochgekrempelt und ab das Ei. Zu unserem großen Glück war auch Al Borland in Gestalt eines super hilfreichen Mexikaners mit von der Partie, der uns teilweise mit Material, Gerät und Rat & Tat zur Seite stand. Wir haben also unser Schiff tatsächlich wieder seetauglich machen können und müssen jetzt “nur noch” vor dem Verkauf für ein optisch ansprechendes Äußeres sorgen um nicht komplett leer auszugehen beim Verkauf. Die Notwendigkeit unsere Körper zu verkaufen rückt immer näher….

Das gelobte Land


Da wir ganz spontan noch Verstärkung von einem weiteren streunenden Köter bekommen haben (der zur Sicherheit ohne Schlafsack und Isomatte auf Tour gefahren ist), lief unsere Mexiko Einreise dann doch etwas anders ab als erwartet. Aus dem Land der Zuckerlimonaden, supersize Menus und Donut Bullen raus, direkt in den Drogenmolloch Tijuana. Man hat ja im Vorraus schon viel übles über die Grenzregion gehört, aber so hätte das sicher keiner von uns erwartet. Die Grenze ist in Richtung Mexiko weniger kontrolliert als die public restrooms in amerikanischen Kleinstädten. Die scheinen hier wohl einfach keine Angst vor illegalen Immigranten aus den USA zu haben. So kommt es auch, dass wir völlig perplex erstmal sowohl unsere tourist cards als auch das car permit vergessen haben. Die Grenze war einfach vorbei, bevor wir sie bemerkt hatten. Danach heißt es dann: Entfernung Grenze – dritte Welt, 1km. Die Straßen sind eher als Kiesgruben zu bezeichnen, Lampen oder Fahrbahnmarkierungen sucht man vergebens und das Auto mutiert zum Schlaglochsuchgerät. Vielleicht war es auch nicht die beste Idee, nach gefühlten 4Mio Warnungen niemals in Mexiko nachts Auto zu fahren, um Mitternacht eine Tijuana Stadtrundfahrt zu machen. Ließ sich aber nicht vermeiden, wir mussten schließlich den Köter vom Flughafen abholen. Wir haben es jedenfalls geschafft und sind nach zwei Stunden Schlaglochslalom, Dirtroad Rallye und WoIstdieVerdammteSchnellStraße Schnitzeljagd unbeschadet aus Tijuana rausgekommen. Gepennt wurde dann am Straßenrand in Strandnähe, Tradition verpflichtet schließlich.

Am nächsten Tag dann die erste Erfahrung mit stinkfaulen und schlecht gelaunten mexikanischen Staatsbeamtengringos. Unsere vergessenen tourist cards bekamen wir zwar, für die car permit müssen wir allerdings zurück zur Grenze. Macht ja nix, wo man hier für 200km schonmal 5 Stunden fährt. Das Leben ist eben ein Handschuh.

Im Moment sind wir gerade am wahrscheinlich geilsten Bowl der Welt. Richard, ein Ami, der hier eine Mexikanische Frau geheiratet hat, hat sich in der Nähe von Ensenada, direkt am Pazifik ein kleines Skate und Surfparadies erbaut. Am Arsch der Welt, mitten im Nirgendwo, bilden hier ein paar alte Wohnwägen, vergammelte Boote und ein paar Bretterbuden ein kleines Aussteigerdorf. Fließend Wasser und Stromnetz sind hier Fehlanzeige, aber wer braucht das schon, wenn er einen Bowl direkt am Meer, ein Sofa mit Ausblick auf die Bucht und genügend kaltes Bier im Eimer voll Eis hat. Das unfassbar große Walskelett vor der Tür tröstet über das stinkende Plumpsklo hinweg… Der Hinweg erinnerte allerdings mehr an Rallye Dakar als an europäisches Autofahren. Ich bin zur Offroad Wurst aufgestiegen und Gary musste seine PickUp Ursprünge unter Beweis stellen (mit etwas Schwung schafft er sogar nen Ollie). Da gute Sicht allgemein überschätzt wird, haben wir unsere Pfadfinder Kompetenzen natürlich bei Nacht erprobt und wurden auch spontan mit einer Übernachtung in der Botanik nach 3 Stunden Offroad umherirren belohnt. Womit wir auch schon wieder bei der Geschichte mit der Tradition wären.

Gestern Abend haben wir mit ein paar kalifornischen Surfern der älteren Generation unseren Biervorrat dezimiert. Coole Jungs, die in den 60ern die Anfänge des Skateboardfahrens mitbekommen haben und heute mit Mitte Fünfzig zusammen Surftrips machen und vor ihren Frauen flüchten. Einer von den Boyz, naheliegenderweise ein Japaner, hat uns noch die wahrscheinlich stilechteste Art gezeigt, Prost zu sagen: Bansai, Bansai, BANZAI! (“The third one always has to be the loudest one!”)

Nachtrag: Sitze gerade auf dem Parkplatz einer Mall in Ensenada und schnorre Internet bei einer lokalen Kaffeebude.  Die letzten zwei Tage war das Tourende zum Greifen nah. Gary hat hart auf die Fresse bekommen und die Crew musste alles Geben um das sinkende Schiff zu retten. Schot und Mastbruch….

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